Songwriter Bill Fay gestorben: Gnade und Apokalypse

Der Songwriter verschwand in den 70ern in der Obskurität und kehrte 2012 mit großem Spätwerk zurück.

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Im ersten Lied seines namenlosen Debütalbums sang Bill Fay 1970 darüber, wie er sich selbst zwischen Kartoffeln und Petersilie in ein Gartenbeet pflanzt, um darauf zu warten, wie der Frost seine Seele erweckt und er dauerhafte Beziehungen mit Blattlaus, Spinne und Made eingehen kann. Und dann weht ein Orchester über der Zeile, als handle es sich hier um ein großes existenzialistisches Drama wie in den Liedern von Scott Walker. Und das ist es auch.

Denn Fay brauchte nur wenige Momente, um vom Kleinsten zum Erhabensten zu gelangen. Für ihn steckten in allen Dingen ein Lied und ein göttlicher Funke. Während der Rest der britischen Folkwelt sich Anfang der Siebziger im Bukolischen und Pastoralen verlor, sang der 1943 im Norden Londons geborene Songwriter auf seinem Debüt und dem Nachfolger „Time Of The Last Persecution“ (1971) in düsteren, endzeitlichen Bilder über Vergänglichkeit, Weltuntergang und göttliche Gnade.

Wie sein Zeitgenosse Nick Drake scheute Fay öffentliche Auftritten , und so kamen nur wenige Eingeweihte in den Genuss seiner Lieder. Die Aufnahmen zu einem dritten Album brach er Ende der 70er-Jahre ab. Fay gründete eine Familie, nahm Gelegenheitsjob als Platzwart und Obstpflücker an und plante nicht, noch einmal als Sänger zurückzukehren.

Die Wiederentdeckung

Doch als das kleine britische Label See For Miles Records seine ersten beiden Alben Ende der Neunziger auf CD veröffentliche, wurde der Songwriter und Produzent Jim O’Rourke auf ihn aufmerksam und spielte sie bei den Aufnahmen zum Wilco-Album „Yankee Hotel Foxtrot“ seinem Freund Jeff Tweedy vor, der Fays „Be Not So Fearful“ öfter bei Konzerten spielte.

Auch Current 93-Songwriter David Tibet wurde durch O’Rourke auf Fay aufmerksam, begann nach dem Verschollenen zu suchen und überredete ihn schließlich, seine Aufnahmen aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern zu veröffentlichen, die 2004 als „Tomorrow, Tomorrow And Tomorrow“ erschienen.

Das epochale Spätwerk von Bill Fay

Der Produzent Joshua Henry, der Fays Alben über die Plattensammlung seines Vaters entdeckt hatte, überredete den Songwriter schließlich, wieder ins Studio zu gehen. 2012 erschien Fays Album „Life Is People“, auf dem Jeff Tweedy auf zwei Stücken gastierte und Fay den Wilco-Song „Jesus Etc.“ coverte. Es klang wie das Versprechen eines den ersten Platten ebenbürtiges Spätwerk. Das löste er bereits drei Jahre später mit dem versponnenen Nachfolger „Who Is The Sender“ ein, 2020 folgte das reduzierte „Countless Branches“.

Anfang des Jahres begann Fay mit den Aufnahmen für ein neues Album, doch am Samstagmorgen ist er, wie sein Label Dead Oceans bekannt gab, zu Hause in London gestorben. Seine letzten Aufnahmen sollen fertig gestellt und veröffentlicht werden, stellt das Label in Aussicht. „Bill war ein sanfter Mann und ein Gentleman, weise über unsere Zeit hinaus“, heißt es in der offiziellen Meldung. „Er war ein zurückhaltender Mensch mit einem großen Herzen, der unglaublich bewegende, bedeutungsvolle Lieder schrieb, die auch in Zukunft Menschen finden werden.“