Songanalyse: Wovon handelt „I Am the Walrus“ von den Beatles?
Wovon handelt „I Am the Walrus“ von den Beatles? Eine Songanalyse des psychedelischen 1967er-Klassikers

„I Am the Walrus“ gehört zu den rätselhaftesten Songs der Beatles – und zugleich zu den faszinierendsten Werken der Popgeschichte. Der 1967 veröffentlichte Track, geschrieben hauptsächlich von John Lennon, steht außerhalb konventioneller Grenzen des Songwritings.
Ein surrealistischer Text, ein Orchester-Arrangements: Dies war die psychedelische Phase der Beatles. Doch worum geht es in „I Am the Walrus“? Was steckt hinter den Tiermetaphern und der musikalischen Collage?
1. Entstehungsgeschichte: Ein Produkt des Spottes
Der Ursprung von „I Am the Walrus“ ist ebenso kurios wie der Song selbst. John Lennon schrieb den Song als Reaktion auf eine Nachricht, dass ein Lehrer eine Beatles-Lyrikstunde veranstaltete. Und versuchte, tiefere Bedeutungen in den Texten zu analysieren. Lennon fand das absurd. Seine Reaktion: Er schrieb absichtlich einen Text, der voller Unsinn steckt, um zu beweisen, dass man überall Bedeutung hineininterpretieren kann. Selbst wenn keine da ist.
Diese sarkastische Grundhaltung ist zentral, um den Song zu verstehen. „I Am the Walrus“ ist eine Parodie auf überintellektuelle Musikanalyse – und zugleich ein Ausdruck von Lennons Liebe zu Wortspielen, Ironie und psychedelischem Nonsense.
2. Die Bedeutung der Zeilen: Nonsense mit Substanz?
Obwohl Lennon betonte, dass viele Passagen bewusst bedeutungslos seien, lassen sich doch thematische Motive erkennen. Die zentrale Zeile „I am the walrus“ verweist auf Lewis Carrolls Gedicht The Walrus and the Carpenter aus Through the Looking-Glass. Lennon mochte Carrolls surreale Sprache und übernahm bewusst diese Anspielung. Später sagte er jedoch, er sei enttäuscht gewesen, als er erkannte, dass der Walrus im Gedicht eigentlich ein Bösewicht ist. Dennoch behielt er das Bild bei. Als Symbol für Absurdität, Verwirrung und das Spiel mit Identität.
Andere Textzeilen wie „Yellow matter custard / Dripping from a dead dog’s eye“ oder „Sitting on a cornflake / Waiting for the van to come“ zeigen eine Mischung aus Dadaismus, schwarzem Humor und bewusstem Stilbruch. Viele Zeilen entstanden durch automatisches Schreiben. Eine Technik, bei der Gedanken ohne Zensur zu Papier gebracht werden. Dadurch ergibt sich ein Text, der mehr an einen Traum oder Trip erinnert als an eine klassische Songstruktur.
3. Gesellschaftskritik und politische Untertöne
Trotz des Nonsense-Charakters enthält der Song auch unterschwellige Kritik an der britischen Gesellschaft. Zeilen wie „Corporation tee-shirt, stupid bloody Tuesday“ oder „Man, you should have seen them kicking Edgar Allan Poe“ spielen auf Bürokratie, Konformismus und die Entfremdung der modernen Welt an.
Lennon verarbeitet darin auch seinen Frust über Autoritäten, politische Entwicklungen und kulturelle Entleerung.
Der Song enthält zudem einen Mitschnitt aus einer BBC-Inszenierung von Shakespeares King Lear, der gegen Ende eingeblendet wird. Auch das war ein bewusstes Experiment. Eine Überlagerung kultureller Codes, ein Bruch mit Hörgewohnheiten. Und ein Statement zur Überfülle an Informationen, die in der modernen Welt auf uns einprasseln.
4. Musikalische Innovation: Sound als psychedelische Reise
Musikalisch ist „I Am the Walrus“ ein Meisterwerk der Studio-Experimentation. Produzent George Martin orchestrierte ein Kammerensemble, das dem Song eine fast sinfonische Tiefe verleiht. Die Kombination aus Rockband, Chor, klassischen Instrumenten und Tonband-Schnipseln schuf einen Sound, der typisch für die Magical Mystery Tour-Phase war.
Die Harmonien sind oft dissonant, was die verstörende Wirkung des Songs noch verstärkt. Die Verschmelzung von musikalischen Stilen – Rock, Klassik, Avantgarde – macht „I Am the Walrus“ zu einem frühen Beispiel postmoderner Popmusik.
5. Interpretation heute: Mehr als nur Unsinn
Obwohl Lennon den Song als Spottreaktion geschrieben hat, wird „I Am the Walrus“ heute oft als tiefsinniges Kunstwerk betrachtet. Ironischerweise ganz im Sinne jener Lehrer, die Lennon ursprünglich verspottete. Der Song spiegelt ein Lebensgefühl der 60er-Jahre wider. Aufbegehren gegen Konventionen, das Suchen nach Identität, das Experiment mit Wahrnehmung und Sprache.
Viele sehen in der scheinbaren Sinnlosigkeit eine Form der Wahrheit: Die Welt ist manchmal chaotisch, absurd und widersprüchlich – und genau das fängt der Song ein. „I Am the Walrus“ ist kein lineares Narrativ. Sondern eine akustische Collage. Es ist ein Song, der eher gefühlt als verstanden werden will.