Lucy Dacus
„Forever Is A Feeling“
Green/Universal (VÖ: 28.3.)
Songwriterin Lucy Dacus muss mit ihrem Indie-Folk gar nicht laut werden, um zu beeindrucken.

Irgendwann lässt es sich nicht mehr vermeiden. Lucy Dacus wird Anfang Mai dreißig. Zeit, erwachsen zu werden! Auf ihrem dritten Album, „Home Video“ (2021), ging es noch um eher adoleszente Themen – Identitätsfindung, Hoffnungen und Träume, die Verwirrungen des Verliebtseins. Gut, das ist jetzt eigentlich immer noch so. Vielleicht weil all das ein Leben lang so bleibt bei Menschen, die ein bisschen zu feinfühlig sind für diese Welt, aber sich auf keinen Fall unterkriegen lassen davon – weil sie selbst in den härtesten Momenten schon ahnen, dass sie dank all der Kollapse, Katastrophen und Komplikationen wenigstens immer genügend Material für ihre Kunst haben. Lucy Dacus hat jedenfalls wieder ein wunderbares Album aus ihren Problemen gemacht.
„Forever Is A Feeling“ trägt das Wissen um die Vergänglichkeit schon im Titel. Nichts ist sicher, nichts ist garantiert. Nur die Musik kennt keine Zweifel: Ihre Indie-Folk-Songs sind fein ziseliert und opulent, aber so dezent instrumentiert, dass sie fast ineinanderfließen. Die Singer-Songwriterin aus Richmond/Virginia lebt jetzt in Los Angeles, doch sonnige Sounds sind zum Glück nicht zu erwarten. Dafür ist die Gästeliste lang. Lustigerweise fallen die prominenten Beteiligten gar nicht groß auf – neben ihren Boygenius-Kolleginnen Phoebe Bridgers und Julien Baker auch Madison Cunningham, Hozier, Bartees Strange, Blake Mills und einige andere.
Manchmal bricht alles überraschend zusammen und wächst auf erstaunlichste Weise wieder zusammen
Das Instrumental „Calliope Prelude“ zu Beginn wäre nicht nötig gewesen, aber „Big Deal“ wirft uns gleich direkt hinein in Dacus’ Gefühlswelt. Und danach kommt schon „Ankles“, das leicht nervös anfängt, sich in einen entwaffnenden Chorus auflöst und schließlich doch ein bisschen sperrig bleibt. Es schließt mit seiner ungenierten Sinnlichkeit an ihren Hit „Hot & Heavy“ an: Beiß mich in die Schulter, zieh an meinen Haaren, singt Dacus, und: „How lucky are we to have so much to lose?“ Sie stellt viele Fragen auf „Forever Is A Feeling“, auch in der schwermütigen Ballade „Limerence“: „Why do I feel alive when I’m behaving my worst?“ Ihre Stimme wird höher und höher. Sie nimmt sich Zeit bei diesen Liedern, zieht manche Zeilen fast provozierend lang, und die Melodie beeilt sich genauso wenig – das muss man aushalten. Es lohnt sich.
Zwischendurch wirft sie einem wieder Romantik hin („You make me homesick for places I’ve never been before/ How do you do that?“ in „Modigliani“), bevor die Störgeräusche zurückkehren und es fast ein bisschen laut wird. Aber nur ein bisschen! „Forever Is A Feeling“ ist zart, auf sehr selbstbewusste Weise. Im Grunde ist es mit diesem Album wie mit dem Leben: Manchmal bricht alles überraschend zusammen und wächst auf erstaunlichste Weise wieder zusammen. Anders als im Leben scheint hier ein kluger Plan dahinterzustehen. Das zauberhafteste Liebeslied heißt diesmal „For Keeps“, das Klavier zu Beginn des Titelsongs ist genauso reizend wie die sich steigernde Sehnsucht in „Most Wanted Man“ – und dann kommt Lucy Dacus mit dem immer weiter anschwellenden, den Frühling verheißenden „Lost Time“ schon zum Schluss, eine Dreiviertelstunde soll das gewesen sein? Schönes geht immer zu schnell vorbei.
Diese Review erschien im Rolling Stone Magazin 4/25.