Der Mann im Hintergrund: Leben und Tod von Andy Fletcher

Das Gründungsmitglied von Depeche Mode steuerte nie einen Song bei, war aber dennoch wesentlich.

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„Martin ist der Songwriter, Alan der gute Musiker, Dave der Sänger, und ich gammle herum“ – so beschrieb Andy Fletcher 1989 in einer Dokumentation von D. A. Pennebaker scherzhaft seine Rolle bei Depeche Mode. Seine tatsächliche Funktion innerhalb der Synth-Pop-Legenden war jedoch in Fankreisen immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Mit Dave Gahan als charismatischem Frontmann und Martin Gore als musikalischem Mastermind galt Gründungsmitglied Fletcher für viele als eine Art Fragezeichen. Gavin Edwards vom US-amerikanischen Rolling Stone schrieb einst: „Martin Gore schreibt die Songs, Dave Gahan singt sie, und Andy Fletcher erscheint zu den Fotoshootings und kassiert die Schecks.“ (Siehe auch den bekannten Running Gag: „Dave: Good Vocals.  Martin: Good Songs. Alan: Good Sounds. Andy: Good Morning!“)

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Andy Fletcher: Kindheit und Anfänge

Andrew John Fletcher wurde am 8. Juli 1961 im britischen Nottingham geboren. Er wuchs als ältestes von vier Kindern auf. Als er zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Basildon, wo sein Vater eine Anstellung als Ingenieur in einer Zigarettenfabrik hatte. Er besuchte die Nicholas Comprehensive School, wo er in der Oberstufe mit einem jungen Mann namens Martin Gore in derselben Klasse saß. Seine ersten musikalischen Gehversuche machte Fletcher mit seinem Kumpel Vince Clarke in der Band No Romance in China, wo er Bass spielte. Fletcher spielte mehrere Instrumente, beherrschte den Bass ebenso wie die Gitarre, widmete sich aber auch vermehrt Synthesizern und Samplern. Die Band hielt nicht lange, Fletcher und Clarke machten aber weiter. Composition of Sound hieß die neue Band der beiden.

1982
David Corio Redferns

Anschließend stieß Fletchers Schulfreund Martin Gore zur Band. Komplettiert wurde das Line-up durch Dave Gahan – Depeche Mode waren geboren. Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt: Vince Clarke verließ die Gruppe nach dem ersten Album, und zwei Jahre später kam Alan Wilder hinzu, der den Sound der Band maßgeblich mitprägte.

Andy Fletcher: Erfolge und Rolle bei Depeche Mode

Die Kurzfassung: Depeche Mode entwickelten sich zur größten Synthpop-Band überhaupt, landeten Welthits mit „Enjoy the Silence“ und „Personal Jesus“ und feierten mit Alben wie Violator (1990) und Songs of Faith and Devotion (1993) internationale Erfolge. Nach dem Ausstieg von Wilder im Jahr 1995 blieben Gahan, Gore und Fletcher als Kernbesetzung übrig und führten die Band weiter.

Depeche Mode 1980
David Corio Getty Images

Seine Rolle innerhalb der Band wurde oft unterschätzt – nicht zuletzt, da er keinen einzigen Writing Credit an Depeche-Mode-Stücken besitzt. Dafür war „Fletch“ im Hintergrund umso wichtiger – als einer, der die Band zusammenhielt, aber auch organisatorisch tätig war. Andy Fletcher selbst fühlte sich in dieser Hinsicht oft missverstanden. Im Interview mit Electronic Beats erklärte er: „Manchmal ist es frustrierend, nicht ernst genommen zu werden. Dabei könnte man auch sagen, dass mein Job der wichtigste ist – ohne mich gäbe es die Band nicht mehr. Aber das ist in großen Unternehmen genauso: Die Leute, die im Hintergrund eine gute Arbeit leisten, bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit wie die, die ans Mikrofon treten und die guten Quartalszahlen verkünden.“

Verhältnis mit Martin Gore und Dave Gahan

Das Verhältnis zwischen den drei verbliebenen Bandmitgliedern blieb freundschaftlich, auch wenn Fletcher – anders als Gahan und Gore – nie in die USA ziehen wollte. 2017 erklärte er im Interview mit Hot Press: „Ja, nun, ich beschreibe es gern so: Dave ist für mich eher wie ein Bruder. Martin ist mein bester Freund seit der Schulzeit. Das einzige Problem mit Martin ist, dass er von London nach Kalifornien gezogen ist. Beide haben Amerikanerinnen geheiratet, was natürlich eine große Rolle spielt. Schon allein ihn anzurufen, da muss man die Zeitverschiebung beachten. Mit Dave hatte ich hin und wieder kleine Streitereien, aber ich denke, dass der eigentliche Geist – kein Wortspiel beabsichtigt – innerhalb der Band ziemlich gut ist.“

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Psychische Probleme

Im Jahr 1994 setzte Fletcher bei 39 Konzerten der Exotic Tour/Summer Tour ’94 aus. Der Grund waren psychische Probleme, die ihn dazu zwangen, sich aus dem Tourleben zurückzuziehen. Laut Mute-Records-Gründer Daniel Miller hatte Fletcher in dieser Zeit mit erheblichen persönlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. „Fletch hatte große Schwierigkeiten, er hatte persönliche Probleme“, erklärte Miller laut dmwiki in einer BBC-Dokumentation aus dem Jahr 2001. Sein Platz wurde von Daryl Bamonte eingenommen, der die Band bereits seit ihrer Gründung 1980 in verschiedenen Funktionen unterstützt hatte.

Projekte außerhalb der Band

Andy Fletcher hatte jedoch auch ein Leben außerhalb von Depeche Mode. Er legte als DJ auf und gründete 2002 sein eigenes Label Toast Hawaii, über das er Bands wie Client vermarktete. Toast Hawaii ist übrigens auch der Name von Fletchers nie veröffentlichtem Soloalbum, das er um das Jahr 1983 auf Kassette aufnahm. Darauf sang er Coverversionen von seinen Lieblingsliedern und wurde dabei, so heißt es, von Martin Gore oder Alan Wilder am Klavier begleitet. Laut Wilder konnte Mute-Records-Chef Dan Miller nicht überzeugt werden, das Album tatsächlich zu veröffentlichen – das schreibt die Depeche-Mode-Fanseite dmlive.wiki. In den 1990er-Jahren war er außerdem Besitzer   des Londoner Restaurants  „Gascogne“.

Alte Zeiten, aber noch gut in Erinnerung: Andy Fletcher strahlt mit seinen Kollegen von Depeche Mode
D. DAVIDS/DAVIDS

Andy Fletcher: Überraschender Tod

Andy Fletcher starb am 26. Mai 2022 im Alter von 60 Jahren. „Wir sind schockiert und voller Trauer über das vorzeitige Ableben unseres lieben Freundes, Familienmitglieds und Bandkollegen Andy ‚Fletch‘ Fletcher“ – mit diesen Worten gaben Depeche Mode das überraschende Ableben ihres Bandmitglieds bekannt. „Fletch hatte ein wahres Herz aus Gold und war immer da, wenn man Unterstützung, ein angeregtes Gespräch, ein gutes Lachen oder ein kühles Bier brauchte“, so die Band weiter.

Zwei Tage später wurde auch bekannt gegeben, woran Fletcher verstorben war: Er erlag einer Aortendissektion bei sich zu Hause. „Auch wenn es viel, viel zu früh war, starb er an einer natürlichen Ursache und ohne längeres Leiden“, schrieben Gore und Gahan, die Fletcher auf dem Album Memento Mori würdigten. Fletcher hinterließ seine Frau Gráinne Fletcher und zwei Kinder.

2011
Jim Dyson Getty Images

Der Tod, so Gahan in einem Interview nach Fletchers Tod, habe ihn und Gore dazu gezwungen, ihr Verhältnis zueinander zu überdenken. „Martin hat seinen Fürsprecher verloren – jemanden, der immer für Martin gekämpft hat“, erzählte Gahan gegenüber Mojo. „Wenn es jemals eine Meinungsverschiedenheit über einen Song oder einen Part gab, setzte Fletch mich hin und sagte: ‚Die Sache ist die, Dave … Martin und ich haben gesprochen und …‘ Ich meine, das wurde wirklich alt. Warum sagt Martin es mir nicht selbst? Und an diesem Punkt waren wir beim letzten Album angekommen.“